Bob und Jo

Der eine stammt aus Texas der andere aus der DDR. Trotzdem haben beide das choreographische Bildertheater geprägt wie kaum ein anderer. In der literarisch/philosophischen Eventecke stellt Autor Andreas Schäfer das besondere Duo vor.

Es ist eine Halle im Hinterhof am Prenzlauer Berg. Jo Fabian gastiert mit einer internationalen Koproduktion. Im Publikum sitzen ehemalige Weggefährten wie Jörg Steinberg. Ist denn alles zurück auf Anfang? Dabei hat das „Department“ des Jo Fabian das Berliner Theatertreffen gerockt. Der Deutsche Produzentenpreis für Choreographie wurde ihm im Sommer 1999 als einer der höchstdotierten Preise für freie künstlerische Arbeit in Europa verliehen. Trotzdem ist es eine kleine Halle. Die große schwarz Bühne, die Bob Wilson schon Jahrzehnte in Überfluss zur Verfügung hat, hätte dem „Unabhängigen Schwan“ gut gestanden. Fabians Bildertanz nimmt das Streulicht die Präzision des Entwurfs. Dafür kann er nichts. Es geht darum, wie Faschismus entsteht, wie immer einer aus der Reihe tanzt und - letztlich aufgespießt - zum Opfer der Konformität wird.

Die große Bühne kann Fabian.

Der Schwan als totgeweihte Ausnahme im Marchmarscheinerlei zu heftigen Trommelschlägen. Wärst Du doch Entlein geblieben und watscheltest immer noch in Reih und Glied. Die große Bühne kann Fabian. Nur er hat sie nicht immer. Zu sperrig ist er im Wessi-Intendantenkarussel und es fehlen die Kumpels in den (West)-Netzwerken des Theaters. So ist Fabian immer noch Außenseiter wie zu Anfang mit seinem freien Kopf in der DDR. Das Ensemble frei, aber stark. Bei „Whisky & Flags“ da tanzte man die ganze Quantentheorie mit einer roten Clownsnase. Bescheiden ist anders. Aber die Versprechungen eines freien Marktes werden nicht immer eingehalten. Mit großen Schritten kommt man eben nicht immer voran. Nicht dass das kleine  besser gewesen wären.

Da wird ganz tief und im Gleichmaß geatmet mit dem gesamten Apparat.

Das Berliner Ensemble ist nicht wirklich weit weg vom Prenzlauer Berg. Und doch sind es zwei Theaterarbeitsuniversen und ohne die präzise große Maschinerie des ehemaligen Brechttheaters wäre der Zauber eines Bob Wilsons schnell keiner mehr. Da wird ganz tief und im Gleichmaß geatmet mit dem gesamten Apparat. Sonst ginge der Zauber wie der der so netten „Sonette“ nicht. Wilson beatmet das BE mit Shakespeares Poesie. Da macht er mit leichter Hand, hinter der schwitzende Schwerstarbeit steckt. Da confronciert Georgette Dee mit Leichtigkeit über die heftigen Umbauten hinweg. Ein Trio der DDR-Theatergrandezza räumt ab. Die zerbrechliche Inge Keller als der elisabethanische Dichter höchstselbst, Ruth Glöss als unverzichtbarer Narr und Jürgen Holtz als Elisabeth Eins wie Zwo.

„Ich seh viel mehr, mach ich die Augen zu.

Profanes nur sehn sie zur Tageszeit;

Doch wenn ich schlaf, erscheinst im Traum mir du,

Traums Dunkelheit erhellt die Dunkelheit.

Du dessen Schatten licht macht, sag,

Was zeigt Dein Schattenbild für Bilderwelt, …“

Wilson schlägt Schatten mit Shakespeare. Das Ensemble formiert sich immer wieder neu. Dazwischen gleitet lautlos die große Bühnenmechanik. Das hat er am BE schon mit Brecht und Büchner geschafft. Unvergessen ist der „Ozeanflug“ mit einem Piloten Stefan Kurt, der sich mit einem Schreibtischflieger abstrampelt in den Lüften, während ihm der sehr greise Bernhard Minetti den Nebel zuruft: „ … und mit mir muss rechnen, der auf das Wasser hinausfährt. 1.000 Jahre hat man keinen gesehen, der in der Luft herumfliegen will! … und mit mir muss rechnen … Aber wir werden da sorgen, dass man auch weiterhin da nicht herumfliegt! Ich bin der Nebel!“ Das war Minettis letzter Abend auf dem Theater und großes, großes Theater, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Auch ein Jahrzehnt danach. So schön kann das sein. Ja! Form hat Bedeutung.

Bob und Jo sind beide Benchmarks, wo die Grenzen zur bildenden Kunst schwinden.

Bob und Jo sind beide Benchmarks, wo die Grenzen zur bildenden Kunst schwinden. Wilsons Zeichnungen sind auch im Kunstmarkt gefragt. Joe Fabian, bekam vor Schlingensief, die Schwelle zur Ausstellung überbrückt. Im Sommer 2001 produzierte man „Tristan und Isolde. nicht berühren“, eine Interaktion zwischen dem Publikum und den Darstellern in einer Glasvitrine mittels einer Computertastatur. Man kann sich denken, dass ein frühe Verbindung ins Bauhaus in Dessau bestand. Die „Hamletmaschine“ und „Parzifal“ waren Stoff an der dortigen Landesbühne in der frühen Nachwendeepoche, als viele nach dem Neuen aus dem unbekannten Osten lechzten. Fabian war spannend und das ist er noch. Er ist Terra incognita, wo der theatrale Mainstream sonst oftmals nur vorüberplätschert

Bilder können durchaus Geschichten erzählen. Bei Fabian wie Wilson sind diese ablesbar. Bei beiden zeigt sich aber auch, dass jede Erzählung und jede Botschaft eine (künstlerische) Übersetzung hat. Alles andere wäre plumpe Form. Fabian und Wilson, beide, schaffen es auf durchaus unterschiedlichen ästhetischen Wegen Eleganz zu schaffen. Das gibt dem Inhalt eine zeitlose Form. Da kann man nicht von so vielen sagen.

© Andreas Schäfer, Solingen, 2010
   Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht in EVENT PARTNER 1/2010

 

 

 

 

 

 

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