Environments: Mehr Kunst, mehr sehen ...

EVENT-PARTNER-Autor und Regisseur Andreas Schäfer inszenierte für die Düsseldorfer Agentur Koppe Pieper & Partner Kunst als Road Show. Ein ganz subjektiver Erfahrungsbericht aus dem Spannungsfeld von Kunst, Event und Marketing.

Allenthalben glückliche Gesichter. Ein bisschen ist es wie Weihnachten. Man hatte ein schönes Fest, aber es wird dauern bis man sich wieder sieht. Dabei ist es mörderisch heiß, es ist Juli und es ist Stuttgart. Es ist der württembergische Kunstverein. Da wo alle schon waren, die in der Kunstszene was zählen, und die anderen gerne hinkämen. Frank Walenda verabschiedet sich. Er ist bei Essilor Deutschland für das Marketing zuständig. Er mag die schönen Dinge, ob Kunst, Musik, Keller oder Küche. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass er gar nicht so glücklich guckte. Und er gesteht, jetzt lächelnd, dass er manchmal dachte, "Ich lasse mich nie wieder auf Kunst ein!" Kein Wunder. Jedem Künstler geht es ebenso. Immer wieder.

Kunst heißt, sich auf Prozesse einzulassen, immer wieder aus dem Nichts zu schöpfen und dann aus diesem Nichts auf den Punkt da zu sein.

Kunst heißt, sich auf Prozesse einzulassen, immer wieder aus dem Nichts zu schöpfen und dann aus diesem Nichts auf den Punkt da zu sein. Das ist anstrengend und ist Risiko. Es ist das vermeintliche Chaos zuzulassen. Vermeintlich deshalb, weil Kunst auch daraus besteht das Chaos zu ordnen. Die Verzweiflung gehört dazu. Und gute Künstler besitzen ein außerordentliches Maß an Disziplin. Und was sich vom gewohnten Eventalltag ebenfalls unterscheidet, Künstler - und damit meine ich, trotz aller Ehrerbietung für solche, hier keine komischen Kellner, Zauberer oder Scherrenschnitter - schmeißen ihre Konzepte bis zuallerletzt mindestens hundert mal um. 

Rückblende: Düsseldorf. Im März und es regnet. Astrid Pieper und Robert Koppe sitzen mir in ihrer Agentur gegenüber. Man kennt sich und auch die Arbeit des anderen, das gibt Vertrauen. Das Budget ist nicht grade üppig. Als es ihn noch gab, hätte es für einen Efficiency-Award, bei der EvA-Preisverleihung gereicht. Aber das Projekt ist spannend. Essilor ist der Marktführer für Brillengläser in Frankreich. Essilor in Deutschland konzentriert sich dagegen auf das exklusive Segment. Die französische Mutter ist sehr kunstaffin und die Erfinderin der Gleitsichtgläser. In Deutschland soll bei einer Roadshow der Bentley unter den Gleitsichtgläsern erstmalig an den Markt gebracht werden. Die Ansprechpartner sind keine Endverbraucher, sondern handverlesene Optiker. Das Sujet soll Kunst sein. Die hat bekanntlich viele Skeptiker. Das Produkt unterscheidet erstmalig zwischen unterschiedlichen Blickgewohnheiten. Es gibt Menschen, die mehr die Augen, und Menschen, die mehr den Kopf bewegen. Um das optimale Brillenglas bestimmen zu können, gibt es ein Messgerät, das die Optiker erst mal ordern müssen. Dazu müssen sie überzeugt sein. Dass ein optimales Gleitsichtglas Sinn machen kann, erfahre ich dann auch von Freunden, die mir ihre teuren Erfahrungen beim ersten einparken mit der ersten Gleitsichtbrille ihres Lebens schildern. Auch im Alltag ist es gut, besser und damit mehr zu sehen. Und deshalb macht Kunst für diesen Event Sinn. Die innere Struktur des Environments ist damit festgelegt. Es geht um den besonderen Blick, das “mehr sehen”. Und nicht darum ein dutzend Mal den Eyemover oder den Headmover oder das Produkt darzustellen. Und das wird kompliziert. Deshalb kommt mit Wilfried Heinz und seiner Solinger Production Company Eventlogistic, der richtige Mann mit an Bord, ohne den die anspruchsvolle Umsetzung schon alleine am Budget gescheitert wäre. So können sich dann auch die LKWs, vollgepackt mit Kunst und Designmöbeln, auf den Weg zu drei allerersten Kunstadressen machen.

Die erste Station ist die Kestner Gesellschaft in Hannover. Die Kunstwerke werden ausgeladen. Britta Pätzold hat verschiedene Plexiglaskuben Begriffen wie Schärfe oder Größe gewidmet. Ein Triptychon mit Bewegungsfotos der griechischen Malerin und Fotografin Kanella Tragousti, bedient sich des gleichen transparenten Materials als Träger. Die in Augenhöhe bedruckten Plexiglasplatten wölben sich in unterschiedlichen Bewegungen. Der rheinische Kunstpreisträger Andre P. malte Vexierbilder auf große durchsichtige Fahnen, die frei im Raum schweben. Ein anderer Blickmagnet waren zwei schrille Objektkästen, die der Kostümkünstler Ralph Hazy Hartlieb entworfen und gebaut hatte: Eyemover und Headmover. Mein Künstlerkollektiv Artcore steuerte eine flexible Videoinstallation bei: meer sehen. Dabei ging es um den Burkaeffekt, das Gefangensein des Blicks, und folgerichtig den Blick zu befreien. Auf acht Bidschirmen war eine niemals sich wiederholende, stundenlange Fahrt durch die Berliner blaue Stunde hinter den Hanfseilumwicklungenum die Fernseher zu entdecken: Die Sehnsucht mehr zu sehen. Einer anderen Art von Blick, waren drei Installationen gewidmet: den Visionen Sigmund Freuds, Herbert Fritsch mit seinem Hamletmammutprojekt und Joseph Beuys. Die Inszenierungen waren mit Originaltönen, verschiedenen Lichtquellen Videoüberwachungskameras und unterschiedlichsten Fundstücken umgesetzt. Das Sehen und Finden spielte dabei eine ebenso große Rolle wie der Prozess: Entdecken (Freud), Entscheiden (Hamlet) und Handeln (Beuys). Das ist in der Kunst so und auch auf der Marketingebene. Es sollte viel zu entdecken geben, was den Blick belohnt. Ein außergewöhnliches Produkt und Kunst haben Vision und Konsequenz gemeinsam. Sonst gäbe es beides nicht.

Ein außergewöhnliches Produkt und Kunst haben Vision und Konsequenz gemeinsam. Sonst gäbe es beides nicht.

Robert Reschkowski machte die Besucher auf ihre Sehgewohnnheiten aufmerksam und inszenierte diese. Zur Belohnung gab es ein persönliches Polaroid auf einer Leinwand mit Brillenglas. Signiert versteht sich. Reschkowski der in der deutschen Performanceszene eine ganz außergewöhnliche Qualität erreicht hat, konnte dabei sehr weit gehen. Die Optiker und auch die Essilormitarbeier standen Schlange um mit einem großen Kochmesser die "Sehschärfe" zu "messen". Jeder wollte das blitzscharfe Ding. Ich kenne eine Menge Eventmanager und Marketingleute die tot umgefallen wären.

Hannover ist ein erster großer Erfolg. Restlos alle Optiker ordern. In der Düsseldorfer K 21 ist es durch eine riesige Architektur wieder ganz anders. Entsprechend mit und nicht gegen die Räume muss anders strukturiert werden. Die Flächen dürfen nicht zugestellt werden. Der großzügige Charakter bleibt erhalten und es ist ebenfalls eine Punktlandung. In Stuttgart ist es fast schon familär. Es ist das dritte und vorerst letzte mal. Wandflächen, die von einer grade abgebauten Ausstellung herrühren und riesige weiße Lücken auf schwarzem Grund bilden, müssen zusätzlich gefüllt werden. Moving Lights oder Deko kommen nicht in Frage. Es wird eine neunteilige Installation: "Does the eye mover see what the headmover sees". Die Wörter in schwarzen Lettern auf der weißen Freifläche, dazu auf der Gegenseite jeweils kleine korrespondierende Objekte. Es sind Dinge von denen wir uns Besserung erhoffen oder die uns Hilfe bieten: ein alter Belichtungsmesser, eine Madonna die Goldfischen predigt, ein Besteck ...

Das Environment bildet eine Umgebung, die unabhängig vom Produkt Sinn macht.

Warum hat das Wagnis, über die selbstverständliche Tatsache hinaus, dass Profis am Werk waren, funktioniert? Das Environment bildet eine Umgebung, die unabhängig vom Produkt Sinn macht, und es ist doch schön, wenn die Besucher nicht nur das Produkt und Unternehmen schätzen gelernt haben, sondern auch Beuys anders verstehen. Auch das ist Mehrwert. Das Produkt hat mit dem Environment eine Sinnbeziehung. Das geht tiefer als jeder schnell verrauchende Effekt. Das Produkt kann ohne oberflächliche Etiketten das sein, was es ist: ein gutes Produkt. Und damit kann es überzeugen. Das Environment in Loungeatmosphäre sorgt für die Balance zwischen Entspannung und Konzentration, denn die Veranstaltung hatte einen durchgängigen Live-Soundtrack meiner Artcore-DJane Kic mit Komponist Jojo Wolter und optischer Spur von VJ und Videokünstler Klaus Dietermann. Was aber ganz, ganz wichtig war, war die Konsequenz, mit dem der Event umgesetzt wurde. Es gab keine überflüssigen Erklärungen. Kunst und Künstler waren einfach da. Als Moderatoren dienten die Außendienstmitarbeiter, die Kunden, Produkt und Künstler kannten und, wenn gewünscht, zusammenbrachten. Pear to pear-Kommunikation ist aufwendig, macht sich aber bezahlt. Am allerwichtigsten war, dass die Kunst konsequent sein konnte und den notwendigen Freiraum hatte, einfach Kunst zu sein.

Zugegeben, dieser Bericht ist eindeutig subjektiv, aber ehrlich. Denn es ist selten, dass restlos alle Beteiligte mit einem großen Erfolg und einem ebenso großen Bewusstsein und Gefühl von Zufriedenheit nach Hause gehen. Auch wenn wir das immer wieder behaupten (müssen). Das Vertrauen von Astrid Pieper und Robert Koppe, wie die Risikobereitschaft von Frank Walenda haben sich ausgezahlt. Und sie haben mit ihrem Mut den Boden bereitet, dass alle Partner - und da muss ich nun auf jeden Fall auch noch Kofler & Company als Caterer und Hetfeld Medientechnik nennen - ihr Bestes geben konnten. Falls sich das für sie wie ein Märchen liest, fragen sie einfach jemanden, der dabei war. Hier ist niemand frei erfunden.

© Andreas Schäfer, Solingen, 2003
   Alle Rechte vorbehalten.

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