Grand mit vier Damen

Frauen sind in der Spitze von Kunst und Literatur schon lange angekommen. Jetzt sind sie endlich anerkannt. EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer hat in der literarisch/philosophischen Eventecke ein illustres Quartett zusammengestellt.

Herta Müller, Doris Lessing oder Elfriede Jelinek haben in den letzten Jahren den Nobelpreis erhalten. Pina Bausch wurde 2007 mit dem weltweit bedeutenden Kyotopreis geehrt. Das hätte ihre Wegbereiterinnen wie Camille Claudel, Sylvia Plath, Virginia Woolf oder das Gesamtkunstwerk Else Lasker-Schüler sicherlich gefreut.

Trotzdem ist der Verlust von Pina Bausch, die alle nur bei ihrem Vornamen nannten, durch nichts und niemanden zu ersetzen. 2009 war überhaupt kein gutes Jahr für das Theater. Die Verluste sind groß, die Klüfte breit geschlagen: Jürgen Gosch, Traugott Buhre, Hanne Hiob, Monica Bleibtreu, Merce Cunningham, Peter Zadek. Oder eben Pina. Das war die Tänzerin und Choreografin, die sich mehr dafür interessierte, was die Menschen bewegte, als wie sich die Menschen bewegen. Ihr Blick ging immer unter die Haut, durchdrang die Oberfläche. Ruhe gab es selten. Mechthild Großmann spielte ihr bei der Trauerfeier ein schönes Ständchen: „Noch ein Weinchen, noch ein Zigarettchen. Aber noch nicht nach Hause!“

Noch ein Weinchen, noch ein Zigarettchen. Aber noch nicht nach Hause!

Das zu Hause der gebürtigen Solingerin waren die Probenbühnen und das Theater. Da hat sie viel bewegt. Und da ist das große Kino auf sie aufmerksam geworden. In Federico Fellinis „Schiff der Träume“ spielte sie eine stumme schwarze Principessa am Vorabend des Ersten Weltkrieges, bei Pedro Almodóvar tanzt sie 2002 in „Sprich mit ihr“ das „Café Müller“ und Wim Wenders dreht nun, leider posthum, seinen Film „Pina“ mit dem geliebten Ensemble in 3-D. Ja, da kommen schon ein paar Oscars und goldene Palmen zusammen, bei denen, die Pina ihre filmischen Aufwartungen machten. In ihrer Heimatstadt, in der man die Ehrung stets vergaß und ihrem Geburtshaus unlängst den Abriss verpasste, streitet man grade aufs unwürdigste darüber, einen Platz oder eine Straße nach ihr zu benennen, dabei ist sie der einzige Weltstar, den Solingen hat. Pina  Bausch, die man getrost mit Beuys und Heiner Müller zu den wichtigsten deutschen Künstlern der Nachkriegszeit zählen kann, hat in der Provinz ein Fenster zur Welt aufgemacht. Ihr Blick auf die Menschen war immer ein gnädiger.

Der Blick auf die Menschen muss manchmal auch schneidend scharf sein.

Das kann man von der einzigen österreichischen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek so nicht sagen. Der Blick auf die Menschen muss manchmal auch schneidend scharf sein. So wie bei der Figur Erika Kohut in der „Klavierspielerin“, die sich mit Rasierklingen ritzen muss, um zu sich vorzudringen. Eine der besten Inszenierungen des Theaterjahres 2009 basiert auf den Texten „Die Kontrakte des Kaufmanns“, die Jelinek als ständiges Update für den Regisseur Nicolas Stemann und dessen Performances im Kölner Schauspielhaus und am Hamburger Thalia schreibt. Das ist das Stück über Bankenkrise und Gier, das knietief in dieser großen menschlichen Schwäche watet. Allen voran Maria Schrader, der die Domstadt und sein Theater sichtlich gut tut. Stemann findet die Form einer modernen Revue. Einer Revue über Lämmer und Wölfe. Die Blase platzt durchaus mit Poesie. In diesem Stück wohlgemerkt. „Die Kontrakte des Kaufmanns“ ist ein gelungener Coup der neuen Kölner Intendantin Karin Beier, die diese Urrauführung anderen, größeren Bühnen weggeschnappt hat. Wer wissen will, wie aktuelles Theater funktioniert, kann nun auch deswegen mal nach Köln pilgern und nicht nur wegen des heiligen Severin, der heiligen Ursula und der heiligen Drei Könige oder wegen Lukas Podolksi und dem FC.

„Kunst muss vor Prostitution geschützt werden. Denn Kunst fordert Liebe.“ Dieser Satz stammt von Herwarth Walden, einem Ehemann der Else Lasker-Schüler, zu der wir noch kommen werden. Diesen Satz hat ihre neuste Biografin Kerstin Decker ausgegraben. Das ist ein Satz für das Eventpoesiealbum, nämlich für eine Branche, die stark dazu neigt den Willen des Bezahlenden zum Maß aller Dinge zu machen. Kunst muss beschützt werden, damit sie ihren Zauber verbreiten kann. Aber manchmal müssen Königinnen auch vor sich selbst beschützt werden. Denn auch Königinnen können stürzen. So musste man bei der Ruhr Triennale 2009 einer traurigen Selbstdemontage zuhören. Die Reihe „Century of Song“ ist dort immer die Begegnung eines Stars mit einem Kurator und einer eigens von ihm zusammengestellten Band. Das kann eine wundervolle Begegnung sein, wie im Vorjahr mit der zauberhaften Sängerin und Bassistin Meshell Ndegeocello und Joe Henry.

Das Publikum war bereit zur Verzückung.

Das kann aber auch katastrophal nach hinten losgehen wie in diesem Jahr mit Marianne Faithfull und dem ehemaligen Punkgitarristen Marc Ribot. Zum Erstaunen des Publikums konnte die Faithfull weder Einsätze noch Texte, des von Ribot zusammengestellten Programms. Noch nicht mal am zweiten Tag des Desasters! Der „Bilbao Song“, abgelesen!, wurde zum Menetekel. Das Publikum war bereit zur Verzückung, verließ die Jahrhunderthalle aber vorab wie Fußballfans, deren Heimmannschaft grade eine Klatsche erhält. Man wohnte der Dekonstruktion eines Stars bei. Dabei hat La Faithfull es doch geschafft den Schatten von Mick Jagger und den Mythos einer ehemaligen Sechzigerjahre-Ikone längst hinter sich zu lassen. Als Schauspielerin wie in „Irina Palm“ ist sie anerkannt, als Interpretin von Brecht/Weill gesetzt. Ihre letzte CD „Easy Come Easy Go” wurde ebenso hymnisch gefeiert wie ein Auftritt im Frühsommer in Berlin. Diesen bestritt sie allerdings mit eigener Band. In Bochum saßen selbst die Songs aus dem aktuellen Album nicht. Das war zu sehr „Easy Come Easy Go”!

Die letzte Königin ist eigentlich ein Prinz.

Die letzte Königin ist eigentlich ein Prinz. Prinz Jussuf nämlich von Theben eben, der vom Café des Westens aus sein Reich beherrschte und reich beschenkte: mit der elegantesten und zartesten Poesie, die die deutsche Sprache je hervorbrachte. Die Tagesspiegel-Autorin Kerstin Decker hat ihr jetzt ein neues Denkmal gesetzt mit ihrer aktuellen wie lesenswerten Biografie „Mein Herz – Niemandem“. Sie hat sich auf die Spur der Elberfelderin - und damit wären wir zurück in jenem Wuppertal, das Pina Bausch eine künstlerische Heimat gewährte -, gesetzt und hat die Stationen ihres Lebens durch das Tal der Wupper, Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, Zürich und Jerusalem noch mal durchflogen. Die Stationen der zuletzt heimatlos Verscheuchten, deren Bilder aus der Nationalgalerie von den Nazis verbannt wurden, weil die Else Lasker-Schüler Jüdin war. Sie war aber noch mehr von dem, was nicht in dieses tumbe tausendjährige Reich passte. Sie war nicht angepasst, weder blond noch blauäugig. Sie war klug und, obschon Mutter, Lichtjahre von Heim und Herd entfernt. Die Sterne waren ihr grade weit genug.

Die Rosen fliegen mir aus dem Haar
Und mein Leben saust nach allen Seiten,
So tanz' ich schon seit tausend Jahr,
Seit meiner ersten Ewigkeiten.
 

Sie war ein früher Hippie. Es gelang ihr Virginia Woolfs beste Freundin und Geliebte Vita Sackville-West, wie in deren Briefen dokumentiert, in einen Schockzustand zu versetzen obwohl diese weltläufig wie weitgereist und alles andere als prüde war! „Ich und ich“ das grandiose Spätwerk, dieses entlarvende Stück über Hitler, seine Schergen und die Deutschen wird viel, viel zu selten gespielt. Da könnte Karin Beier noch mal einen Coup landen. Was lehrt uns das alles? Wir können alle mehr Phantasie wie Poesie wagen. Ob traumwandlerisch elegant. Ob mit analytischer Schärfe oder zart wie Butter!

Die Bücher, Kalender & CD:

Ursula Kaufmann, „Tanztheater Wuppertal - Pina Bausch - Fotokunst-Kalender 2010“ (DuMont Kalenderverlag, Köln, 48 x 44,5 cm, ISBN 978-3-8320-1311-0)

Elfriede Jelinek, „Die Kontrakte des Kaufmanns. Rechnitz (Der Würgeengel). Über Tiere“ (Rowohlt, Hamburg, 352 Seiten, ISBN 978-3-499-24984-6

Marianne Faithfull, „Easy Come Easy Go”(Naive/Indigo, ASIN: B001GAQPTI)

Kerstin Decker, „Mein Herz – Niemandem. Das Leben der Else Lasker-Schüler“ (Propyläen, Berlin, 480 Seiten, ISBN 978-3-549-07355-1)

© Andreas Schäfer, Solingen, 2009
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Veröffentlicht in EVENT PARTNER 6/2009

 

 

 

 

 

 

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