Große Preise

EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer nimmt den Zornesausbruch des MRR und das neuste Buch von Thomas Bernhard in der literarisch/philosophischen Eventecke zum Anlass, um über die Mutter aller Preisverleihungen und deren weitverbreiteten Abklatsch nachzudenken. 

Der alte Mann hatte es ausgesprochen. Er wollte niemanden kränken, niemanden beleidigen oder verletzen. Er nahm den Preis nicht an. Der Skandal war da. Der Atem stockte. „Ich finde es auch schlimm, dass ich hier vier Stunden das erleben musste.“ Es gäbe ja Abende, die man ganz schön erlebt. Dieser zählte nicht dazu und hatte doch grade mit dem alten Mann seinen emotionalen Höhepunkt. Der alte Mann sprach Klartext.

Der alte Mann war der Marcel Reich-Ranicki. Er sollte den Deutschen Fernsehpreis erhalten. Und zwar für sein Lebenswerk. Wer das Leben und Werk des Literaturkritikers kennt, wird sich über dessen klares Urteil nicht wundern. Senil und weltfremd ist anders. Da wagte es nicht das Kind, sondern der Greis, dem Kaiser zu sagen, dass er nun mal keine Kleider trägt. Was ging voraus. Die üblichen nicht vergehenden Stunden, in denen sich eine Branche ohne jegliche Reflektion feiert. Und die Köche waren dabei noch nicht mal das Schlimmste. Phantasielos aneinandergereiht wurde Proporz geübt..

Ein Mann, der das Warschauer Getto überlebt hat, der übersteht auch solche vier Stunden.

Mit Qualität hatte das wenig zu tun es geht leider allen nur um Quote. Dementsprechend flach die Zeremonie. Eine Fanfare, eine Laudatio, eine Videofilmchen, dann Übergabe bis zum Erbrechen. Die Plausibilität des Geehrten blieb man in weiten Teilen schuldig. Nun denn, ein Mann, der das Warschauer Getto überlebt hat, der übersteht auch solche vier Stunden. Wer Thomas Bernhards grade posthum erschienene "Meine Preise" (Suhrkamp, Frankfurt am Main, 144 Seiten, ISBN 978-3-518-42055-3) gelesen hat, der weiß um die Verlegenheit des Preisträgers, der doch eigentlich der zu Ehrende ist. Die Intentionen sind aber oft andere. Und so schmückt man sich gerne mit fremden Federn. Ein (zumal undotierter) Preis ist dafür eine billige Gelegenheit.

Das viel kopierte Vorbild kommt dabei einmal mehr aus Amerika. Hollywood kann es freilich. Der Acadamy Award lebt eben auch sehr vom Charisma der Ausgezeichneten. Leider hat es sich noch nicht durchgesetzt, dass dies nicht einfach durch kopieren weitergegeben wird und so krankt so manche Preisverleihung an der deutschen Einfallslosigkeit und kommt als immer gleiches Abziehbild daher: eine Fanfare, eine Laudatio, eine Videofilmchen, dann Übergabe bis zum Erbrechen. Und die Fanfare ist auch meistens nur aus dem Musikstore der Filmbranche geklaut. Da werden die „Piraten der Karibik“ herauf- und heruntergedudelt. Im Kulturbetrieb sieht es auch nicht besser aus. Da hat sich in den letzten vierzig Jahren wenig geändert. Bei Bernhard waren es die Philharmoniker. Bei den meisten Preisen reicht es nur fürs Streichquartett. Schön wenn der Preis dotiert ist, dann hat er wenigstens für den Empfänger einen Nährwert.

Der Triumph war ein Herald.

Der Triumph war ein Herald, wie Thomas Bernhard offen eingesteht. Das war der ehrenwerte Julius-Campe-Preis, der dem Preisträger die Zeremonie gnädig ersparte, aber einen Sportwagen bescherte. Oder der Literaturpreis der Freien und Hansstadt Bremen, der als Anzahlung beim Liegenschaftenhändler diente. Als armer Poet fällt es schwer, die Ehrung abzulehnen. Bernhard hat in seinen früheren Tagen auch schon Bier ausgefahren.

Dazwischen gibt es jede Menge Branchenpreis, ob DIVA, LEA oder unser EvA, die um Aufmerksamkeit buhlen. Die internationalen Stars kommen höchtsens dann, wenn sie selbst ausgezeichnet werden. Der ganz große Glamourfaktor ist diesen Preisverleihungsritualen ebenso verwehrt wie dem Deutschen Filmpreis, der auch nur zum müden Abklatsch des Academy Awards taugt. Auch wenn man zur Aufwertung jetzt sogar eine Akademie gegründet hat. Es gibt Preise, die bemühen sich um Eigenständigkeit und finden sogar Gnade bei Elke Heidenreich. Der Henri-Nannen-Preis zählt dazu. Und der FAUST, der deutsche Theaterpreis speist sich mal aus seinem eigenen Umfeld und verzichtet gänzlich auf den vermeintlichen Sternentouch und setzt auf Persönlichkeit(en).  Heike-Melba Fendel und Barbarella Entertainment hatte das in der glücklichen wie geschickten Hand.  Es geht also anders!

Und so kommt es dann auch, dass anders als bei Thomas Bernhard die Frau Ministerin nicht einschlafen und auch nicht ihr leises Ministerschnarchen schnarchen muss. Dabei hatte sich der Schriftsteller für den Grillparzer Preis extra einen Anzug mit frischen Socken auf dem Graben gekauft.  Er hatte aus einem momentanen Impuls  alles Menschenmögliche für die würdige Übergabe des Preises getan.  Und die Tante hatte er mitgebracht. Das jedoch sollte wenig fruchten. Für den Empfang des zu Ehrenden, geschweige der Tante, war niemand abgestellt. Auch einfachste Fehler werden gemacht.

Die Berlinale hat so ihren ganz eigenen Charme

Sympathisch kommt einem da die Spontaneität eines Dieter Kosslik bei der Berlinale entgegen. Der Mann der Englisch und Deutsch zugleich sprechen kann, braucht keine zweitklassige Gagschreiber, um fade Witze vom Teleprompter abzulesen. Er babbelt, wie ihm das Herz überläuft und macht dabei eine gute Figur. Auch wenn er neben der großen ätherischen wie kommunistischen Juryvorsitzenden Tilda Swinton steht. Kosslik biedert sich nirgendwo an. Das kann man getrost souverän nennen. Die Berlinale hat somit ihren ganz eigenen Charme.

Dass nicht nur dem ZDF, sondern auch dem andere großen öffentlich rechtlichen Sender dieser Charme bei einer Preisverleihung abgehen kann, bewies er mit dem Echo 2009. Da half kein violetter Teppich. Die ARD bemühte sich mit Oliver Pocher und Barbara Schöneberger, die Echo-Preisverleihung auf niedrigstes RTL-Explosiv-Boulevard-Niveau herabzubefördern. Wirklich jeder Gag traf einfach müde daneben. Und wenn einer mal traf, dann traf er garantiert ins Fettnäpfchen. Dazu gab es B-Promis am laufenden Band und so bleibt abschließend nur die Frage, wo hat die Schöneberger all die unvorteilhaften Kleider her?

Das Feld der Stars in Deutschland ist einfach nicht so groß und auch nicht so dicht bewachsen.

Das Feld der Stars in Deutschland ist einfach nicht so groß und auch nicht so dicht bewachsen. Da hilft es auch nicht, wenn die Medien versuchen bedeutendere und wenig bedeutende Prominente hinzuzuschreiben. Objekte wie „Park Avenue“ und „Vanity Fair“ sind grade daran gescheitert. So gibt Springers „Bild“ gemeinsam mit „GALA“ und der „Bunten“ den Takt vor. Die Masse der Auflage rückt so manchen ins Licht, der in der hellstrahlenden Aura Borealis der Aufmerksamkeit schnell verblasst. Felix Amerika hat Michelle LaVaughn Robinson Obama auf der Titelseite der „Vogue“. Wir haben höchstens mal das Dekolleté der Kanzlerin in Oslo und Herrn Sauer an ihrer Seite. Sei es so, der Glamourfaktor ist nicht die vordinglichste Aufgabe in der Politik. Erst recht nicht in diesen Zeiten.

Dass Publikumserfolg und die Fachkritik  unisono klingen können, hat der Echo 2009 trotzdem bewiesen. Der Berliner Peter Fox und sein „Stadtaffe“ erhielten nicht nur die Auszeichnungen als bester Produzent und Sieger in der Kategorie Hip-Hop/Urban, er bekam auch noch den Kritikerpreis der Musikjournalisten überreicht. Und eine, die noch aufwarten wird, spülte sowohl der Echo als auch der Silberne Bär der Berlinale auf die Bühne: die ehemalige Volksbühnenprotagonistin und Burgschauspielerin Birgit Minichmayr. Sie sang zusammen mit den Toten Hosen. Ein selten strahlender Moment von Authenzität  an diesem Karnevalssamstagabend, Davon hätte man sich beim großen Fehlgriff in die Moderatoren- und Laudatorenkiste mehr gewünscht.

Und die OSCARs? Die lebten wieder einmal vom großen Charme der Preisträgerinnen wie Kate Winslet oder Penélope Cruz, von den Überraschungssiegern wie Sean Penn oder den jubelnden Abräumern von „Slumdog Millionaire“. Aber vor allem von gekonntem Entertainment, echten Überraschungen, authentischen Emotionen, aufrichtiger Achtung vor Leistung (auch posthum) und von Laudatoren und einem Moderator, die nicht überfordert waren. Und vor allem lebten die 81. Academy Awards von den unzähligen echten Stars. Wann befreien wir uns von den OSCAR-Imitaten und erfinden eigene Formate? Ist das denn keine lohnende Herausforderung?

© Andreas Schäfer, Solingen, 2009
   Alle Rechte vorbehalten.

Veröffentlicht in EVENT PARTNER 2/2009

 

 

 

 

 

 

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