Kleine Schritte

EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer erinnert in der literarisch/philosophischen Eventecke an den vierzigsten Jahrestag der Mondlandung, stößt an den Quell der Bedeutung und verweist auf zwei große Ausstellungen.

"Houston, Tranquility Base here. The Eagle has landed!” das waren die magischen Worte zum Raumgestöber und weiter ging es zu unscharfen Fernsehbildern schwarz und weiß: “That's one small step for man; one giant leap for mankind“. Ein einfacher Satz mit Nebensatz und doch ist er Menschheitsgeschichte. Dieser Begrüßungssatz des Kommandanten Neil Armstrong auf dem Erdtrabanten fiel laut Mission Report in der 109 Stunde, 24 Minuten und 15 Sekunden des Auftrags Apollo 11 oder um 02:56:15 Greenwicher Zeit am 21. Juli 1969 und war damit nicht nur Höhepunkt einer langen Fernsehnacht, sondern der erste weltumspannenden Liveevent, der sogar Bob Beamons Sprung ins nächste Jahrtausend oder John Carlos und Tommie Smiths schwarzbehandschuhte Fäuste gen Himmel von Mexico City blass aussehen ließ. Die Bilder prägten sich ein, wie später nur der Fall der Mauer oder Nine Eleven. Und allen Unkenrufen trotzend war der erste Gang eines Menschen auf dem Mond ein leichter Spaziergang, wie Armstrong schnell feststellen konnte. Dank der erfolgreichen Telstarnachfolger, die den Heimatplaneten Erde aus dem All mit Ton und Bild versorgten, konnte zumindest die halbwegs technisierte Welt den drei Männern in ihrem Raumboot bei allen Stationen ihrer abenteuerlichen Mission über die Schulter blicken und lauschen. So etwas Atemberaubendes hatte es zuvor noch nicht gegeben.

Dank Kennedys Überholmanöver gegenüber dem sowjetischen Sputnik war der Weltraum populär.

Dank Kennedys Überholmanöver gegenüber dem sowjetischen Sputnik war der Weltraum populär. Kubricks Odyssee „2001“ hatte die Kinogänger gefesselt. Am Fernseher war man Commander Cliff Allister McLanes Raumpatrouille mit der Orion auf ihren sieben Bügeleisenmissionen gegen die Frogs gefolgt: „Was heute noch wie ein Märchen klingt, kann morgen Wirklichkeit sein.“ Der Mond war längst Bestandteil des Denkens. Und der erreichbare Kindertraum waren die biegbaren Gummiastronauten um Major Matt Mason (demnächst mit Tom Hanks verfilmt) von Mattel. Die hatten sogar eine große Raumstation und ein aufblasbares Zelt als Schutz auf der fernen Mondoberfläche. Und einer der Astronauten, der im blauen Skaphander, war sogar ein Afroamerikaner, wie es heute heißt. Politisch korrekt, versteht sich.

Der Autor war grade mal zwölf und es war nicht daran zu denken, um 02:56:15 GMT vorm Fernseher zu hocken. Außerdem weilte man im Urlaub im Schatten des Matterhorns in einer Ferienwohnung ohne TV. Aber er erinnert sich auch nach vierzig Jahren an die faszinierenden Fotos auf den Titelseiten am nächsten Tag. 1969 hatte man noch Zeit. Die Mondlandung war ein Geschenk der Menschheit an sich selbst und eröffnete einen anderen Blick auf die ferne kleine, zerbrechliche blaue Kugel namens Erde. Kein Wunder, dass Apollo 11 einherging mit dem Aufkommen der Ökobewegung. Der Horizont war ein für alle Mal verrückt. Der Auftrag Kennedys war erfüllt. Das Kommunikationsziel gegenüber den Russen erreicht. Auch wenn ausgerechnet der affärendurchtriebene Tricky Dick Nixon die Ernte einfuhr. Aber Kennedy ist auch für uns heute der Visionär, Nixon der schäbige Trickser. Die Mühlen der Geschichte mahlen langsam aber nachhaltig!

Wir deutschen Kinder konnten dank Gerd von Basswitz mit Peterchen und Sumsemann schon von der großen Mondfahrt träumen. Die nächtliche große Laternenscheibe schaute uns von weitem an. Der Mann im Mond inklusive. Bei schönem Wetter und Vollmond kann man die Krater und Meere schon mit bloßem Auge sehen. Luna, Σελήνη alias Selene war immer schon eine gigantische Projektionsflδche fόr Trδume. Zugvφgeln und nachtaktiven Insekten dient der Mond als Navigationsmaschine. Vergnόgungsparks wurden gerne nach ihm benannt. Legenden eben. Und noch heute blόhen die Verschwφrungstheorien, die Amerikaner wδren gar nicht da gewesen. Die Landung von Armstrong und Aldrin wδre nur eine Billionen-Dollar-PR-Kampagne. Der Mond ist Yin. Lunar verheiίt leider im klassischen Horoskop nichts gutes.

Welche Inszenierung reicht da ran?

Dabei gibt es wirklich wenige gemeinsame Menschheitsevents mit ähnlich positivem Charakter.  Ein Bild, der berühmte Satz – all das prägt sich mal ohne Katastrophe ein, von denen das 20. Jahrhundert doch einige große vorzuweisen hatte. Es sind diese besonderen Momente, diese Berührung und Identifikation an die Werbung (und Live Kommunikation) gerne herankäme. Aber sie müssen Imitation bleiben. Dabei sind es die einfachsten Geschichten die hängen bleiben. Und die überflüssigsten. Zwei Menschen riskieren ihr Leben und betreten einen fremden Himmelskörper. Zurück bringen sie ein paar wenige Steine und grauen Staub. Und doch, welche Inszenierung reicht da ran? Sie erfüllen einen Menschheitstraum. Poesie ist Luxus.

Hinter dem kleinen Schritt steckt zugegebener Maßen ein gigantischer Schub und überwundene dreihundertsechzigtausend Kilometer. Gegen Größe ist an sich nichts einzuwenden, wenn sie richtig eingesetzt wird. Und für den kleinen Schritt eines Menschen brauchte es dann auch eine ausgewachsene Saturn V-Rakete mit 3 Stufen, 110 Metern Länge und 3.424 Tonnen geballter feuriger Power beim Start.

Nur so funktioniert Gänsehaut.

Bei Nietzsche heißt es: „Damit ein Ereignis Größe habe, muss zweierlei zusammenkommen: der große Sinn derer, die es vollbringen und der große Sinn derer, die es erleben.“ Bedeutung entsteht immer erst im Kontext. Das tiefe Empfinden, das wir auch heute noch beim Betrachten der Bilder haben, kommt auch aus dem Wissen um die Umstände. Die Leere und der Schrecken des Weltraums wird mitgedacht. Nur so funktioniert Gänsehaut. Und Tiefe generiert man nur durch Haltung. Aristoteles hat es uns gelehrt. Die überzeugende Rede entsteht im Tetralog und nicht nur in der Dualität des vorgetragenen Argumentes mit der Emotion des Zuhörers. Die Haltung des Vortragenden ist der dritte entscheidende Baustein. Und es ist derjenige, der am häufigsten fehlt. Deswegen bleibt Kommunikation dann eben fade und flach.

Kennedys Vision war eben mehr als der Machtkampf der Systeme. Bei  der Reise zum Mond flog eben auch immer der Wunsch um eine bessere Welt mit. Die Reise zum Mond zeigt zu welchen einzigartigen Leistungen eine Menschheit in der Lage ist. In der anderen Seite der Medaille spiegelten sich die Bomben von Vietnam. Die Schreie der Napalmopfer übertönten letztlich selbst das Donnern der Triebwerke der Saturnraketen. Die USA bezwangen den Mond und streckten dann doch die Waffen und überließen den Süden des umkämpften Landes dann doch dem Vietcong. Der großartige Event konnte das moralische Fiasko im Dschungel nicht dauerhaft überstrahlen. Realität ließ sich schon damals nicht verleugnen. Auch Propaganda findet mal ein Ende. Die Nationalhymne ging nur wenige Wochen nach der Mondlandung in Kaskaden von Raketenschüssen unter. Der Protestsound kam aus einer strahlend weißen Statocaster und einem Marshallturm. Der Sommer 1969 war auch der von Jimi Hendrix in Woodstock, dem Höhepunkt einer unabhängigen, einer Gegenkultur. Aber dass ist schon ein eigenes Thema. Lassen wir bis dahin getrost noch etwas Mondglanz strahlen.

Einer Branche, die gerne in Superlativen schwelgt sei demnach ins Poesiealbum geschrieben: Kleine Schritte können eine große Bedeutung haben. Und nicht vergessen, Haltung zeigen! Wer nicht auf die nächste Reise der NASA zum Mond warten möchte, dem sei die Ausstellung „Der Mond“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum bis 16. August 2009 empfohlen. Oder die Ausstellung mit dem Riesenmond und dem kompletten Sonnensystem im Gasometer Oberhausen: bis zum 10. Januar 2010.

© Andreas Schäfer, Solingen, 2009
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Veröffentlicht in EVENT PARTNER 4/2009

 

 

 

 

 

 

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