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Die Mutter aller Events
Drei Tage mit Regen und Sonne, mit viel Liebe und LSD. Drei Tage Frieden mit rund einer halben Millionen an Menschen auf einer Wiese – all das und vor allem Musik und die einende Emotion, das war das
Woodstockfestival vor 40 Jahren. EVENT PARTNER-Autor Andreas Schäfer begibt sich in der literarisch/philosophischen Eventecke auf die Suche nach der verlorenen Zeit.
Das verfassungsmäßig verbriefte amerikanische Recht auf die Freiheit und das Streben nach Glück haben sich die Hippies genommen. 1969 war geprägt von Aufbruch. Zwei Jahre
zuvor kulminierte das Leben in Haight Ashbury und Monterey. Politisch hatte man Verluste zu verknusen. King und Kennedy. Man protestierte gegen den Vietnamkrieg und für den Frieden. Die Bürgerrechte für
Afroamerikaner waren durchgesetzt. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern schmolz dahin. Den USA war es grade gelungen, zwei Menschen einen Trip auf den Mond zu spendieren: “It’s a new dawn“ verkündete Grace
Slick, die Sängerin der Jefferson Airplane und meinte nicht nur den anbrechenden Morgen in den Hügeln vor New York. „Hey now it’s time for you and me” and “got a revolution got to revolution” heißt es in deren Lied
“Volunteers”, das sie auch in Woodstock spielten. Man war Freiwillige oder Freiwilliger eines neuen Amerika. Die Suche nach dem Mythos einer Generation, denen man die Vorbilder weggeknallt hatte, hatte ihr
Ziel gefunden.
“Got a revolution.” Jefferson Airplane
Vielen der beteiligten Musiker war klar, dass da etwas ganz besonderes stattfand. The Who in vorpunkmäßiger Rage hat das gestört. Sie waren das dekonstruierende Element
auf der Bühne. Manche schleppen halt ihre verkorkste Kindheit mit sich rum. Pete Townsend rüpelte den ansagenden Yippie-Aktivisten Abbie Hoffman von der Bühne.
Aber das ist nur ein Nebenschauplatz. Pioniere waren am Werk. Bill Hanley mit Hanley Sounds,
einer der Vorkämpfer der Großbeschallung, seit dem Newport Jazz und Folk Festival hatte Kompressoren im Einsatz, um die Musik überall durchkommen zu lassen. 16 unterschiedliche Areas hatte er eingerichtet. Das Poster mit der Katzendrossel auf der Gitarre stammte von Arnold Skolnick, einem Künstler aus der Gegend, der für diese Arbeit von Matisse beeinflusst war. Es war Stilbildend, reduzierend und gar nicht psychedelisch, wie andere Plakate der Zeit: An Aquarian Exposition.
“You know there's something that's goin' on around here.” David Crobsy
Michael Lang der große Organisator betätigte sich danach auch als Eventmanager, Chip Monk wurde ein gefragter Lichtdesigner. Unter anderem für die olympischen Spiele in
L.A. Der Festivalfotograf Barry Z. Levine war der erste Nackte im See und kreierte so die Szenen, die das historische Bild von Woodstock prägten. Richie Havens schrie es eingangs seiner grandiosen Improvisation
heraus: „Freedom!“
Die „Please Force“ war auch ein wichtiger Teil. Von den Hells Angels war eben keiner am Start. Die Hippiekommune Hog Farm um Wavy Gravy war für die Sicherheit zuständig.
Man war höflich und nett zueinander. Da fügten sich die schwarzarbeitenden New Yorker Cops nahtlos ein. Und dass eine der Sicherheitschefs eine junge Frau war, das war auch so eine Revolution.
“But I'm gonna show you, baby, that a woman can be tough.” Janis Joplin
Überhaupt waren die Künstlerinnen des Festes, allen voran Janis Joplin, ein Manifest lustvoller Emanzipation. Die Projektionsflächen kommerzialisierter Erotik sollten
erst mit dem industrialisierten Diskosound der Siebziger auftauchen. Woodstock war Lichtjahre entfernt von einer Lady Gagga oder Britney Spears. Oder auch von einem multinationalen Konzern namens Madonna. Es war die
Zeit bevor die Gelddruckmaschinen des Marketing und der Popindustrie anliefen, die Musik einer Generation einzukaufen.
Vom Freitag dem 15. August bis zum, Sonntag 17. August 1969, genauer bis zum Morgen des Montags entstand eine Großstadt, die nicht auf Konkurrenz und Wettbewerb aufgebaut
war, sondern auf Achtung und Kooperation. Es gab Geburten und, das soll nicht verschwiegen werden, auch drei Tote. Zwei Drogenopfer und einen 19-jährigen der unglücklicherweise beim Aufräumen von einem Traktor
überrollt wurde. Es gab kostenlose Speisungen mit viel Müsli. An Hunger dachte wohl kaum einer der Teilnehmer.
“We are Stardust.” CSNY
Pünktlich zum Jubiläum ist der oscarprämierte Film, an dem auch Martin Scorsese mitgedreht und geschnipselt hat,
auch noch mal auf DVD erschienen. Mit viel Begleitmaterial und mit Lederfransen. Der Poptheoretiker Klaus Theweleit hat sich Jimi Hendrix vorgenommen. Das kommt etwas trocken. Ebenso wie das Buch von Frank Schäfer "Woodstock `69: Die Legende" im Residenz Verlag.
Lustvolle 288 Seiten hält ein Bildband der Großformat liebenden Collection Rolf Heyne bereit. Dem Buch von Mike Evans gelingt es die Atmosphäre in vielen, vielen Fotos
einzufangen und durch ebenso viele Originaltöne zu ergänzen. Woodstock war eben doch mehr als eine Legende. Es hat tatsächlich stattgefunden.
Es heißt, wenn man sich an die Sechziger erinnern könnte, wäre man nicht dabei gewesen. Von wem dieses Zitat stammt, weiß man auch nicht mehr. David Crosbyy? Wavy Gravy?
Es gab sie, diese Zeit vor dem Kommerzpomp. Heute ist das unvorstellbar: Ein Festival ohne Merchandising und ohne riesige Sponsorenlogos. Das kapitalistische System hat aus der Musik der Hippies Pop gemacht. Und
sehr, sehr gute Geschäfte. Bands wie The Who und die Stones haben dieses Rad mit gedreht. In Woodstock gab es keine VIP-Lounges. Auch Janis Joplin musste auf die überfüllten Dixieklos und davor schlangestehen.
“'Scuse me while I kiss the sky.” Jimi Hendrix
Die Hymne schrieb die junge Joni Mitchell, den Abgesang Jimi Hendrix mit „Purple Haze“, der amerikanischen Hymne im Stakkatogewitter und einer Improvisation in a-Moll.
Der Kampf um die soziokulturelle Hegemonie gewannen die Konservativen in den Achtzigern zurück. Präsident Ronald Reagen und seine Vordenkergang, allen voran der Ökonom Milton Friedman, brachten Konkurrenz und Kampf
zurück.
Hollywood bespielte die Leinwand dazu mit Chauvinismus. Es gab wieder „Helden“. „Conan“ und der „Terminator“ bestimmten das Bild. Gewalt war wieder ein Mittel. Die Schlacht „Terminator“ vs. „3 Days of Peace & Music“ ist bis heute für die Neocons erfolgreich geschlagen. Aber wenn es eine Zeitmaschine gäbe, ich wäre bei den „Three Days“ im August 1969 dabei.
Die Bücher & Videos:
Klaus Theweleit, Rainer Höltschl, „Jimi Hendrix“ (Rowohlt Berlin, Berlin, 256 Seiten, ISBN 978-3-871-34614-9)
Frank Schäfer, "Woodstock `69: Die Legende" (Residenz, Wien, 206 Seiten, ISBN 978-3-701-73138-1)
Mike Evans, „Woodstock - Die Chronik“(Collection Rolf Heyne, München, 288 Seiten, ISBN
978-3-899-10419-6)
“WOODSTOCK - Ultimate Collectors Edition” (Warner Home Video, 219 Min., ASIN: B00284AITE)
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