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Performances: Die Macht der Poesie ...
a making of oder wie Gaudi zu Lorca kommt und ein literarischer Walk Act nach Barcelona
Zugegeben, Literatur ist eine Seltenheit auf einem Event. Und der Mut zur Kunst ist fast ebenso rar. Obschon viele Unternehmen Kunst und Künstler
fördern. Anscheinend hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. So wenig wie GE-ZET-ES-ZET - die Mutter aller deutschen SOAP-Schlachten - oder Bärbel Schäfers tägliche Quasselei zu so lebensentscheidenden Fragen
wie "Ich verlasse dich! Dein Schäferhund stinkt aus dem Mund" mit einem Feature auf dem Kulturkanal ARTE.
Natürlich sind die Inhalte von Events, und da sollte man ehrlich sein, weniger komplex. Es geht um simplere Botschaften und letztendlich um Kunden,
Käufer und Verkaufen. Aber muss das so eindimensional und vordergründig plakativ geschehen, wie wir es alle von Mainstream-Events kennen? Und seien wir auch da ehrlich, gibt es nicht doch Gelegenheiten den
Event-Horizont zu erweitern?
"Warum sollte sich die Komplexität des Lebens in der Kunst verlangsamen? Nur die Phantasielosen verlieren sofort die Orientierung. Es ist nicht notwendig, sofort alles zu
verstehen."
Peter Greenaway
Eine dieser Gelegenheiten bot sich, als der Autor dieser Zeilen, von einer Düsseldorfer Agentur für eine Gala in Barcelona angefragt wurde. Dieser
Event soll hier als Fallbeispiel dienen und auch einen Einblick hinter die Kulissen bieten.
Der Kunde war ein skandinavisches Unternehmen, das 100 Messegäste (mit Partnern) abends in Barcelona unterhalten wollte. Das touristische Programm
war bereits bei früheren Gelegenheiten abgearbeitet. Es wurde eine außergewöhnliche Location gefunden. Das Problem war allerdings, dass nur 10 Tage für die Umsetzung zur Verfügung standen. Mit dem Flamenco-Star
Javier Baron und dem Tangopaar Pablo Veron und Victoria Vieyra aus dem Film "Tango Lesson" waren bereits strenge Vorgaben gemacht, die zusammen mit der Location einige Schwierigkeiten bereiteten. Denn die
Location war eines der berühmtesten und schönsten Häuser in Barcelona: Die von Antonio Gaudi wunderbar gestaltete Casa Batlló am Passeig de Gracia.
Stein gewordene Poesie
Die Casa Batlló mit ihrem Reptiliendach, den verwurzelten Säulen, dem berühmten Treppenhaus ist steingewordene Poesie. Gaudi verbindet in der Casa
Batlló auf einzigartige Weise das Alte mit dem Neuen. Anstatt das Haus, wie es der exaltierte Bauherr Jose Batlló i Casanova, zuerst wollte, abzureißen, arbeitete der Architekt Gaudi mit dem alten Gebäude und gab
ihm neues Innenleben und äußeres Gesicht. In die gestalterische Arbeit nahm er Elemente aus der Natur auf. Das Dach ähnelt so dem Schuppenpanzer einer Riesenechse, die Treppe windet sich wie eine Wirbelsäule.
Elefanten tragen Säulen. Die Technik des Bauens endet in einer Ode an die Natur, den Ursprung.
Die Formen, die Gaudi verwendet, vermitteln Leben und Bewegung - und damit entspricht das Bauwerk einem modernen Unternehmen, das ebenso der
Bewegung und dem Leben verhaftet ist. Die Casa hat jedoch einen großen Nachteil, sie besteht vorwiegend aus Wohnung, ist extrem verwinkelt, mit unübersichtlichen Fluren und schon bei 100 Gästen verdammt eng.
Folglich musste eine Performance gefunden werden, die einerseits auf eine klassische Bühnensituation und entsprechende Technik verzichten konnte, andererseits die einzelnen Stationen, Tanz, Dinner, und auch die
verschiedenen Räume miteinander verband, anderseits mit der Strenge der Formen aber auch mit der Sinnlichkeit der Casa Batlló, des Tangos und des Flamencos korrespondierte. Die Idee war, einen poetischen Walk Act zu
entwickeln. Nach der Recherche wurden zusammen mit der Schauspielerin und Dramaturgin Claudia Gahrke Zitate und Gedichte von Spaniens bedeutendstem Dichter der Neuzeit, Federico García Lorca, als Textmaterial
ausgewählt. Und zwar mehrheitlich in englischer Übersetzung, um für die Gäste aus verschiedenen Ländern eine einheitliche Sprache zu finden.
Da ein Ortstermin erst einen Tag vor dem Event möglich war, wurde bei den Proben wie mit einem Baukasten, mit Versatzstücken, gearbeitet. Die
Einzelteile wurden dann letztendlich erst am Ort zusammengesetzt.
Wenn der Mond erscheint überzieht das Meer das Land und das Herz fühlt wie eine Insel in der Unendlichkeit
Federico García Lorca
Fünf Charaktere wurden erarbeitet und entsprachen den Inspirationen Gaudis: Das Meer, aus dem alles Leben entspringt. Quicklebendig, manchmal
vorwitzig: "The sea turned to stone, is laughing a last laugh made of waves." Diese Zeilen Lorcas, mit denen sich die Figur des Meeres beschreibt, könnte sofort in eine Schilderung der Casa Batlló passen,
an deren Fassade Wellen zu Stein geworden sind. Der Mond, der für das Licht steht, mit dem Gaudi an farbigen Fenstern arbeitete und als Herrscher über die Sterne: "Run off, star babies, tender little star
babies". Der Wind, der gelegentlich alles durcheinanderwirbelt: "A curtain made of wind that trembles on and on" und damit in Bewegung hält. Die Nacht: die für die Konzentration steht und letztlich
ein Engel der für die Idee an sich steht und letztlich alles zusammenhält. Die Figur des Engels entspricht dem Puck aus Shakespeares "Sommernachtstraum" oder dem Hermes in Kleists "Amphytrion" .
Er ist der Bote und der Kommunikator zwischen den anderen Figuren, eine Rolle, die bei der Unübersichtlichkeit der Location auch dringend notwendig war.
Die Kostüme und Maske der Akteure mussten dem Stil Gaudis entsprechen und ebenso detaillreich gearbeitet sein. Mit Ralph Hartlieb und Lothar
Abstohs von Raloth Kostüme in Wuppertal waren die richtigen Ausstatter gefunden. Denn dadurch, dass die Performance "close to the people" stattfinden sollte, mussten die Kostüme auf Nahwirkung gearbeitet
sein. Also eher für die Kamera als für die Bühne. Außerdem waren Zeit und Budget knapp bemessen, sodass die aufwändigen Kostüme nicht komplett neu gefertigt werden konnten. Da der Fundus von Raloth eine wahre
Schatzkammer ist, reichten wenige Änderungen aus.
Vervollständigt wurde das Backstage-Team durch die Maskenbildnerin Rosa Alana Puente, mit der ich bei einem Theaterprojekt im letzten Dezember
hervorragende Erfahrungen gemacht hatte. Bei allen Budgetüberlegungen bin ich nie versucht gewesen, bei einer solchen Performance auf eine wirklich professionelle Maske zu verzichten. Damit habe ich mir, den
Zuschauern und den beteiligten Schauspielern den sonst häufigen Anblick von Kriegsbemalungen erspart. Und nicht zuletzt ist eine gute Maskenbildnerin oder Maskenbildner immer auch ein ruhender Pol, wenn die
Stresswellen mal höher schlagen. Und das tut den Darstellern, dem Regisseur und jeder Produktion gut.
Eine kurze Verschnaufpause zwischen den Auftritten Mit Susanne Plaßmann als Meer, Mark Weigel als Nacht, Andrea K. Schlehwein als Mond, Marijan
Grcic als Wind und Tony Dunham als Engel waren alle Rollen mit Schauspielern besetzt, die über ausreichend Theatererfahrung verfügen. Spätestens wenn Literatur gesprochen wird, machen sich diese Erfahrung und auch
eine entsprechende Ausbildung bemerkbar. Und inspirierend für den Regisseur und die Produktion ist es dann, wenn sie, wie im Fall der oben genannten Schauspieler, noch über eine Gesangs oder eine Tanzausbildung
verfügen. Einerseits ist es wunderbar, wenn man eine Arie oder ein vertontes Gedicht als a capella Gesang für die Performance nutzen kann - und dies auch noch wunderbar anzuhören ist. Andererseits versuchen Sie
einmal elegant zu bleiben, wenn sie eine mehrere Kilo schwere, einen halben Meter hohe Kopfbedeckung tragen ...
Mit den Schauspielern, den Kostümen, der Maske und den Texten sind die Zutaten festgelegt. Mit den Proben wurden dann diese Elemente
zusammengeführt. Aber, wie probt man einen literarischen Walk Act, wenn man die Location mit den sicherlich vorhanden Fallstricken noch nicht gesehen hat.
Das heißt, es mussten Varianten für die einzelnen Auftritte gefunden werden, die am Ort entschieden und zusammengeführt werden konnten.
Von Anfang an wurde in den Kostümen geprobt - eine separate Anprobe hatte es bereits gegeben. Einerseits müssen sich die Akteure mit den Tücken der
Kostüme vertraut machen, andererseits ist das Kostüm auch immer Teil der Rolle, eine Charakterisierung.
Und das sind auch immer alle physischen Elemente, somit wird als Erstes erarbeitet, wie eine Figur steht, sich bewegt, welche Gesten hat sie, wie
sehen diese aus, wie verhält sie sich zu dem Kostüm und was kann mit dem Kostüm gespielt werden.
Da die Figuren am Anfang der Performance in der Casa Batlló wie Statuen, wie Teile der Wohnung wirken sollten, und erst mit dem Eintreffen der
Gäste quasi zum Leben erwachen sollten, mussten charaktertypische Ruhepositionen gefunden werden.
Und der Respekt vor einem Künstler sollte schließlich auch nicht bei einem Event fehlen, oder?
Darüber hinaus waren Aktionen zu finden, die mit den Gästen gespielt werden konnten. Und dann noch die Frage, wie verhalten sich die verschiedenen
Charaktere zueinander: als Paare, als Gruppe.
Mit dem Fortschritt der Proben wurden dann die Texte hinzugenommen. Die vertonten Gedichte wurden eingearbeitet. Und schon auf der Probenbühne
zeigte sich, wie intensiv das Zusammenwirken aller Elemente und die Intimität durch die große Nähe war. Wann bekommt man schon einmal ein Gedicht in das Ohr geflüstert?
Mit der Entwicklung des Abends sollten die Figuren immer mehr zusammenfinden, was eine Übertragung auf die Situation des Unternehmens war, wo
verschiedene neue Tochtergesellschaften in ein Ganzes integriert werden mussten. Dafür wurden choreografierte Bilder zu den Gedichten, zum Beispiel eine Passarella, entwickelt, die auch zu den abschließenden
Tanzacts überleiten konnten.
Die Bestätigung für die Baukasten-Vorgehensweise folgte sehr schnell, nach den schweißtreibenden Proben und den schweißtreibenden
Frühsommertemperaturen die uns auf dem Flughafen von Barcelona empfing, wurde uns der Angstschweiß in der Location erspart. Natürlich zeigte sich, dass Pläne und Fotos, mit denen wir auf die Casa Batlló vorbereitet
waren, nur einen Teil der Wahrheit offenbarten. Einige Treppen waren in den Kostümen gar nicht zu begehen und es wurde sehr, sehr eng. Aber mit der vorbereiteten Flexibilität konnten diese Klippen umgangen werden.
Und letztendlich konnten wir die wunderschöne Architektur auch auf uns wirken lassen und ich denke last not least, dass die Performance auch dem Künstler Gaudi, den ihm zustehenden Respekt gezollt hat. Und der
Respekt vor einem Künstler sollte schließlich auch nicht bei einem Event fehlen, oder?
Und damit Hola!
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